Gustav Stresemann

1878-1929

Der wichtigste und erfolgreichste Politiker der Weimarer Republik – sowohl für die Innen- wie die Außenpolitik – war Gustav Stresemann. Es war ihm zu verdanken, dass sich das krisengeschüttelte Deutschland stabilisierte und sich aus der außenpolitischen Isolation befreite.

Als Emil Kneiß 1928 seine Tätigkeit als Karikaturist beim Bayerischen Zeitungsblock aufnahm, hatte Stresemann durch die Verträge von Locarno (1925) und die Aufnahme Deutschlands in den Völkerbund (1926) schon Entscheidendes geleistet. Aber von Januar 1928 bis zum 3. Oktober 1929, dem Todestag Stresemanns, enstanden doch noch sieben Zeichnungen, die sich mit Stresemann beschäftigten.

Am 22. Januar 1928 beschäftigte sich eines der ersten Bilder von Kneiß mit der Länderkonferenz in Berlin, die vom 17. bis 19. Januar dauerte. Der „Berliner Staatsmann“, mit einem Glas für „Berliner Weiße“ vor sich, war Stresemann. Er erklärte den Ländern, die ebenfalls durch ihre Getränke (Apfelwein, Blümchenkaffee, Wein und Bier) gekennzeichnet wurden, die finanzielle Lage.

„Oculi“ bedeutet den dritten Fastensonntag, der 1928 auf den 11. März fiel.

Stresemann kandidierte für die nationalliberale „Deutsche Volkspartei“ als Spitzenkandidat in den Wahlkreisen Oberbayern-Schwaben und Niederbayern-Oberpfalz: ein solches Verfahren war offenbar auch bei  anderen Kandidaten üblich. Auf der Zeichnung schreitet Stresemann mit zwei große Taschen energisch vorwärts.

 

SONY DSC

 

„Meinen lieben Wähla zum ewijen Anjedenken jewidmet von Eurm Justav aus Berlin“

Der Wahlkampfauftritt Stresemanns im Münchener Bürgerbräu am 25./26. April 1928 war für den “Progoderer Stresemann” nicht so harmlos, wie ihn Emil Kneiß darstellte. Vor allem die anwesenden Nationalsozialisten störten die Versammlung. “Um mich war ein Pfeifen, ein hundertstimmiges Gejohle und Geplärre, daß ich momentan glaubte, beim Georgibier im Mathäser zu sein.” Das schrieb “Spirifankerl” am nächsten Tag im Münchner Zeitungsblock. Und dort wurde fast eine ganze Seite diesem Auftritt eingeräumt; aus Stresemanns Rede wurde ausführlich zitiert. Das Nachwort enthält die folgende Stelle:

stresemann3

 

Ob durch das Wahlergebnis wirklich zu vermuten war, dass dadurch der Zentralismus der Regierung in Berlin weiter gestärkt würde, mag dahin gestellt sein. Bemerkenswert ist die Darstellung des Hakenkreuzes. Nach den Vorgaben der NSDAP musste es rechtsdrehend und um 45° nach rechts gedreht sein; Emil Kneiß war damit wohl noch nicht vertraut.

Stresemann blieb jedenfalls auch in der nun folgenden Regierung Hermann Müller (SPD) Außenminister.

 

Lugano: Bei einer Tagung des Völkerbundsrats, einem ständigen Gremium innerhalb des Völkerbundes, verlas am 15. Dezember 1928 der polnische Außenminister eine längere Erklärung, die bei dem Ratsmitglied Dr. Stresemann „größte Erregung“ hervorrief, so dass dieser „unter lebhaftem Protest mit der Hand auf den Tisch schlug“.

Im Juni 1929 legte ein Ausschuss unter Leitung von Owen Young einen neuen Zahlungsplan für Reparationen vor, der dem deutschen Wunsch nach Senkung der Schuldenlast entgegenkam. Am 6. August wurde im Haag (heute: in ‚Den Haag‘) eine Konferenz eröffnet, die den sogenannten Young-Plan zum Abschluss bringen sollte.

Die Karikatur gibt die Meinung der Opposition wieder; es wurde von der DNVP (Hugenberg) und der NSDAP (Hitler) sogar ein Volksbegehren gegen den Youngplan in die Wege geleitet. Unter dem Reichskanzler Hermann Müller (SPD) wurde der Youngplan aber doch 1930 angenommen. Der Hund hinter dem Schlachtochsen Deutschland trägt eine Ballonmütze: das Kennzeichen für die SPD.

Die oben genannte Regierungskonferenz in Den Haag war am 31. August zu Ende; es konnten aber noch nicht alle Fragen geklärt werden. Zumindest die Räumung des gesamten Rheinlands bis zum 30. Juni 1930 wurde zugesichert, doch die Reparationszahlungen, die Deutschland weiterhin zu leisten hatte, wurden nicht deutlich zurückgenommen. Das Gedicht von Dr. A(dlmaier), dem Hauptschriftleiter, bringt dies gut zum Ausdruck.

Am 3. Oktober 1929 verstarb Gustav Stresemann an den Folgen eines Schlaganfalls. Er erhielt ein Staatsbegräbnis, das bei der Bevölkerung große Anteilnahme fand. Hunderttausende gaben Stresemann das letzte Geleit.