Emil Kneiß, der Urmünchner

Emil Kneiß wurde zwar 1867 in Frankfurt a. Main geboren, aber wohl in München gezeugt; von 1872 an lebte er in München, seiner „lieben Vaterstadt“, bis zu seinem Tode 1956. Es gibt hier doch die eine oder andere Spur seines Wirkens.

Luise Kinseder als "Bavaria" beim Nockherberg 2017

Luise Kinseder als „Bavaria“ beim Nockherberg 2017

Dem „Kneiß-geschärften“ Blick entging nicht, dass im Hintergrund der lebendigen „Bavaria“ die eherne „Bavaria“ neben einer Kneiß-Zeichnung stand. Beim zweiten Sendetermin war dann klar, dass es sich da um den Turm des Oktoberfestzeltes der Paulaner-Brauerei (Winzerer Fähndl) handelte. Die Kneiß-Kellnerinnen marschieren um den Turm, aber auch um die Musikbühne.

Die Kneiß-Kellnerinnen marschieren um den Maßkrug-Turm
Die Kneiß-Kellnerinnen marschieren auch um die Musikbühne
Postkarte "Kellnerinnenparade" von Emil Kneiß (1911)

Postkarte „Kellnerinnenparade“ von Emil Kneiß (1911)

Hier ist die Postkarte „Kellnerinnenparade“, 1911 von Kneiß in antimilitaristischer Absicht gezeichnet. Die Karten wurden im Verlag Ottmar Zieher, München als ‚Heliocolorkarten‘ gedruckt. Diese Karte hier wurde 1927 vom Hofbräuhaus aus nach Leipzig verschickt.

Langs Burgstübl München

„Tattenbach“

„Langs Burgstübl“ in der Tattenbachstraße 6 (ab 1940 „Max Pfahlers Altdeutsche Weinstube“, heute „Tattenbach“) erhielt von Emil Kneiß eine Deckenbemalung. Ein Besuch in dieser traditionsreichen, unter Denkmalschutz stehenden Gaststätte ist sehr zu empfehlen. Wer zu weit weg wohnt: Auf www.tattenbach.de erfährt man die Geschichte des Lokals und kann sich darin auch virtuell umsehen.

Diese Gaststätte war 1924 das Gründungslokal der „Geselligen Bürgerzunft Alt-Monachia“, die sich heute vor allem der Pflege der Münchner Bürgertracht widmet. Emil Kneiß war Gründungsmitglied und malte daher das Stammlokal des Vereins aus. Von dieser Bemalung durch Emil Kneiß existiert nur noch ein Postkartenmotiv; nach dem 2. Weltkrieg wurden die Malereien weiß übertüncht.

Bayerisches Rautenwappen
Münchner Kindl (als Mönch)
Münchener Wappen
Tattenbach heute

„Tattenbach“

2003 entschloss sich die Augustiner-Brauerei, das „Tattenbach“ im ursprünglichen Glanz wiederherzustellen. Die Restaurierung der Kneißschen Decken-Malereien besorgte der Kunstmaler Hermenegild Peiker (Augsburg); ihm stand dafür einzig und allein nur die besagte Postkarte zur Verfügung. Peiker ist für solche Aufgaben ein weitum gefragter Künstler; so wurde durch ihn der im Krieg völlig ausgebrannte „Goldene Saal“ im Augsburger Rathaus nach alten Abbildungen in weiten Teilen neu gestaltet.
Hirths Kathreiner-Flug München -Berlin 1911 "ah! da zieht's!"
Hirths Kathreiner-Flug München -Berlin 1911
So a Tassl Kathreiner hilft ein'm über alles weg!

Die „Kathreiners Malzkaffee-Fabriken“ hatten seit 1910 einen Preis von 50.000 Mark für den ersten Flug von München nach Berlin innerhalb von 36 Stunden ausgeschrieben. Dies gelang dem Flugpionier Helmut Hirth am 29./30. Juni 1911 mit einer Etrich-Rumpler-Taube. Vor dem Start in München-Puchheim bat er noch Emil Kneiß, etwas zur „Dekoration“ beizutragen, woraufhin Kneiß mit einem Kohlestift diese beiden Karikaturen auf den Rumpf zeichnete.
Diese „Kathreiner-Preis“-Maschine wurde von der Firma Kathreiner danach dem im Aufbau befindlichen „Deutschen Museum“ in München gestiftet. Heute ist die „Taube“ noch immer ein Blickfang in der „Alten Luftfahrthalle“, und die Zeichnungen von Emil Kneiß sind nach wie vor unter dem Heckleitwerk zu erkennen!

Programm der Eröffnungsvorstellung des Gärtnerplatztheaters
Das Theater am Gärtnerplatz

Wer das Theater am Gärtnerplatz in München besucht, sollte daran denken, dass Emils Vater Ludwig dort bei der Eröffnungsvorstellung 1865 das „Münchner-Kindlein“ spielte. Der Stich von der Eröffnung lässt erahnen, warum der aus der Pfalz stammende Vater dafür geeignet war.

Auch Emil Kneiß war dem „Gärtnertheater“ verbunden; für die Festschrift zum 25-jährigen Bestehen lieferte er 1890 die Zeichnungen von Ferdinand Lang und Eduard Brummer in ihren Paraderollen.

Clara Ziegler und Ludwig Kneiß bei der Eröffnungsvorstellung
Bräuhaus-Fortification: Lieb Vaterland magst ruhig sein, ...
Aufstellung im Bräuhaus-Carrée
Der Wirtekrug zum Oktoberfest 2012

Der Krug der Wirte zum Oktoberfest 2012 zeigt ein Bild, das von Tita Gronemeyer unter Verwendung der Postkarte: „Bräuhaus Fortification“ von Emil Kneiß gestaltet wurde. „Lieb Vaterland magst ruhig sein“ ergänzte er mit „dies Festungswerk nimmt keiner ein!“ (statt: „Fest steht und treu die Deutsche Wacht am Rhein“)

Am 14. Dezember 1906 wurde das erste deutsche Militär-U-Boot von der Kaiserlichen Deutschen Marine als U 1 in Dienst gestellt. Heute befindet sich U 1 im Deutschen Museum in München. 1917, im Entstehungsjahr der Karte, traten die USA in den Krieg ein, nicht zuletzt wegen des uneingeschränkten U-Boot-Kriegs.

 

Das erste Münchner Biermobil
Das erste Münchner Unterbierboot
Weitere Postkarten
Bier her, oder i fall um!

Diese beiden Bilder sind Vorlagen, die Kneiß an den Verlag gegeben hat, um daraus Postkarten herzustellen. Die von ihm vorgeschlagenen Texte wurden aber nicht so übernommen. Bei den Blasebalg-Schuhen stand auf der Karte:
Bei vierzig Graden Celsius
Benütz‘ den Blasbalg-Unterfuss.
oder:
’s Neuste leg‘ ich mir jetzt zu:
Einen Blasbalg-Unterschuh;
Wenn die Pflicht zum Bräuhaus ruft,
Hat ma doch ein bisserl Luft.
Mit „Wir wollen niemals auseinandergeh’n“ erahnte Kneiß einen Text, der 50 Jahre später (1960) zu einem Ohrwurm werden sollte.

Wir wollen niemals auseinandergehn!
Bild: "Auto Heil!"

Mit „Auto Heil“ wird der Radfahrergruß „All Heil!“ persifliert!

A Maßkrug, a Radi
und a Wamperl fest g’spannt
Dö san bei uns z’Münka
Als Dreibund bekannt.

1911 wusste jedermann, was mit dem Dreibund gemeint war: ein 1882 geschlossenes Bündnis von Deutschland, Österreich-Ungarn und Italien zur gegenseitigen Unterstützung im Falle eines gleichzeitigen Angriffs zweier anderer Mächte.

Dö san bei uns z'Münka als Dreibund bekannt.
Also doch: Gemseneier!

Postkarten wie diese beiden wurden berühmt und in den 50er und 60er Jahren noch immer verkauft. Der Entdecker der Gemseneier wurde 1934 gezeichnet; der „Buzi“, hier mit blauem Sacktücherl auf der Kehrseite, 1948.

Die erfolgreichen Jux-Postkarten aus der Zeit vor dem 1. Weltkrieg waren ab 1933 verpönt. Ein Eintrag in der Münchner Stadtchronik zeigt, dass diese Karten mit einem mehr als deutlichen Hinweis am 13. März 1934 als unerwünscht erklärt wurden. Für Kneiß bedeutete dies eine erhebliche finanzielle Einbuße.

Wo steckt er denn wieder der Buzi (1948)