Jux-Erfindungen

Die letzten Jahrzehnte des 19. Jahrhunderts brachten viele Entdeckungen und Erfindungen; es fühlten sich aber auch viele kleinere Geister dazu berufen, ingeniös tätig zu sein. Diesen „Innovationen“ setzte Emil Kneiß im „Radfahr-Humor“ immer wieder eigene Vorschläge entgegen.

Verbesserung des Tricycles

Die Gefährlichkeit der Hochräder (Bicycles) reduzierte sich, wenn man sie dreirädrig (Tricycles) baute. Als Lastenräder fanden sie alsbald weite Verbreitung. Schon im 2. Jahrgang des „Radfahr-Humor“, 188/89, steuerte Kneiß weitere Möglichkeiten der Verwendung bei.

Mit dem „Butter-Tricycle“ sollte die Milch auf dem Weg zur Stadt „durch eine mit der Achse der Räder in Verbindung stehende Vorrichtung zu Butter“ gerührt werden.


RH_90-91-702c

1891 hatten sich das Niederrad (seit 1884) und die ‚Pneumatics‘ (1888) weitgehend durchgesetzt. Das brachte den „Radfahr-Humor“ und seinen Zeichner Kneiß dazu, einen Amerikaner Namens Thomas Wastshon (‚weißt schon‘) als Erfinder eines Land- und Wasserfahrrads vorzustellen. Das Äußere ist noch in Art des momentan üblichen Niederrads; neu ist die Befüllung der Rahmenrohre (aus Aluminium) und der voluminösen Reifen mit Wasserstoffgas, wodurch das Fahrrad „um 5 Kilo leichter als die von ihm verdrängte Luftmasse“ ist. Außerdem erkennt man am Hinterrad „kleine Flügel im Scharniere beweglich befestigt“. „Diese Flügel üben auf das Wasser, ähnlich wie die Schaufeln des Schaufelrades von Dampfern jenen Druck aus“, der dem Vehikel auch im Wasser eine enorme Geschwindigkeit verleiht.

 

Auf diesen Bildern wird noch auf eine weitere Erfindung des Thos. Wastshon hingewiesen. Ein „bekannter amerikanischer Rennfahrer“, bei ruhiger See, trägt den neuen Gummirettungsanzug. „Die höchst kleidsame Dreß besteht nämlich aus einer Gummiumhüllung über den Körper, welche am Halse, an beiden Händen und Knien luftdicht angeschlossen ist. Durch eine niedliche, an der Brust befestigte Handluftpumpe läßt sich Luft zwischen Kleidung und Körper pressen.“

Bei bewegter See wird der Rettungsanzug dann aufgeblasen und wir sehen, „wie derselbe Rennfahrer mit dem Sturmwinde im Rücken im kolossalsten Spurte auf den schäumenden Wogen einhersaust“.


Thos. Wastshon’s Erfindung dieses Rennzweirades besteht darin, dass sich kurz vor dem Ziel ein Hebel lösen lässt, der das Vorderrad mit einem „Blitzfedermechanismus“ vor dem Konkurrenten über die Ziellinie fahren lässt. Die Idee wird durch eine detailreiche Konstruktionszeichung erläutert.


Dieses Bild von 1892 zeigt eigentlich nur, warum die stolzen Hochradfahrer zunächst über die neuen, niederen „safety-cycles“ nicht eben erfreut waren. Saß man vorher noch kerzengerade und hoch über dem „Volk“, fast wie zu Pferde, so musste man sich nun in die Niederungen herablassen und „krummbucklig“ durch den aufspritzenden Dreck fahren.

Der „Fortschritt im Fahrradbau“ für 1894 zwingt den Fahrer nicht mehr bloß zu einem krummen Rücken, sondern zu einer völlig abgewinkelten Hüfte.


1899 zeichnete Emil Kneiß dieses Modell eines kettenlosen Fahrrads als Spott auf die Versuche, Fahrräder ohne Zahnräder und Übertragungskette zu bauen. Man wich dafür meist auf einen Kardanantrieb aus.

Das Kneißsche Fahrrad wurde aber offensichtlich doch gebaut. Im „Humoristischen Velodrom“ des Hermann Kretzschmar sieht man dieses Fahrrad, aber mit Kettenantrieb, vorne links. Das Publikum amüsierte sich in diesem Velodrom, indem es selbst diese „Fehlkonstruktionen“ ausprobierte oder auch nur dabei zusah, wie sich Fahrerinnen und Fahrer vergebens abmühten.

 


Um die Wende zum 20. Jahrhundert standen sich, was die Fortbewegung in der Luft betrifft, zwei Meinungen schroff gegenüber. Für das Fliegen mit Geräten „schwerer als Luft“ hatte Otto Lilienthal die entscheidenden theoretischen und praktischen Arbeiten geliefert, aber es sollte noch bis in die Zeit des Ersten Weltkrieg dauern, bis solche Flugzeuge tatsächlich brauchbar waren. Graf Zeppelin und August von Parseval bauten in Deutschland dagegen starre und halbstarre Luftschiffe, die dem Publikum vertrauenswürdiger erschienen, obgleich diese dann doch durch spektakuläre Unfälle das in sie gesetzte Vertrauen verloren.

Emil Kneiß und Richard Braunbeck hatten aber 1902 ihre eigene Idee eines Luftverkehrs, indem sie auf „Evolution“ setzten. Die Darwinsche Theorie wurde nämlich um 1900 wieder erneut diskutiert, als man die mendelschen Gesetze nach 30-jähriger Nichtbeachtung wiederentdeckte. Kneiß und Braunbeck ließen ihren Ideen freien Lauf und so setzten sie darauf, das eigentlich jetzt nicht mehr benötigte Pferd einem „Anpassungszwang“ zu unterwerfen. Wenn es sich erst einmal an das Fliegen gewöhnt haben würde (Erste Generation), dann würde die Darwinsche Anpassung in zweiter und dritter Generation bewirken, dass der „schwere Huf schwindet und leichten Flossen Platz macht“. Das nun entstandene „Luftflugpferd“ würde den „lenkbaren Luftverkehr“ dann dominieren.