Einkreisung

Lehren aus dem Ersten Weltkrieg?

Hitlers Plan, „den deutschen Lebensraum im Osten zu erweitern“, musste zwangsläufig in einen Krieg mit den östlichen Nachbarn Polen, Tschechoslowakei und Sowjetunion führen. Hatten England und Frankreich noch tatenlos zugesehen, als Hitler die Slowakei erfolgreich zur Selbstständigkeit drängte und anschließend am 31. März 1939 die „Resttschechei“ als „Protektorat Böhmen und Mähren“ besetzte, so wurden sie mehr und mehr aktiv, als auch ein Überfall auf Polen sich abzeichnete. Da Hitler nur auf Italien als nennenswerten, aber nur bedingt einsatzbereiten Bundesgenossen zählen konnte, wurde doch wieder der Begriff „Einkreisung“ aktuell.

Zu Ostern ist die Zeit des Ei’s
Wie allgemein ein jeder weiß.

Doch niemand liebt – ein alter Hut –,
Die Eier, welche nicht mehr gut.

Die Eier-Händlerin Europa bietet ‚vollfrische Eier‘ aus dem deutsch-italienisch-spanischen Korb für die östlichen Länder an, die Dauerfrieden, Neue Ordnung, Antibolschewismus versprechen. Im englisch-französisch-amerikanischen Korb finden sich Versailles, Marxismus, Liberalismus, Demokratie und Einkreisung!

Diese Karikatur vom 8. April 1939 versucht herunterzuspielen, dass England am 31. März erklärt hatte, bei einer Bedrohung den Bestand Polens bewahren und für die nationale Souveränität des Landes eintreten zu wollen.


15. Mai 1939

Nach der Annexion der Tschechei setzte ein Wettlauf der Westmächte um die Gunst der Sowjetunion ein, eben mit dem Ziel, Hitler-Deutschland einzukreisen. In der Karikatur verhandeln Litwinow (seit 3. Mai nicht mehr russischer Außenminister), Daladier und Chamberlain (noch britischer Premierminister), einen Pakt, der auf eine Einkreisung Deutschlands zielt. Die Zeichnung nennt nicht den Grund für das Scheitern; es war vor allem die Weigerung Polens, Russland ein Durchmarschrecht einzuräumen.

Der schwarze Vogel auf dem Wegweiser erinnert an den (Toten-)Vogel auf dem Kneißschen Plakat zur Luftkriegsbeute-Ausstellung 1918.


Kneiß zeichnet am 11. August 1939 nach einer Idee von H. Brovik-Riedel, seinem langjährigen Chef v. Dienst und Schriftleiter für Unterhaltung, ein ‚Familienbild‘. Die Eltern England und Frankreich sehen dem sich garstig gebärdenden ‚Kind‘ Polen zu, das auf seinem Pferdchen mit Säbel und Pistole fuchtelt. Dass zwischen der Sowjetunion und Deutschland sich zu diesem Zeitpunkt bereits Verhandlungen anbahnten, war dem Zeichner noch nicht bekannt; Hammer und Sichel im Davidsstern symbolisieren die „jüdisch-bolschewistische Weltverschwörung“. Der Wirt mit Judennase und Kosakenstiefeln versperrt die Tür zur Einkreisung.

Dieses Bild, von Kneiß im August 1939 gezeichnet, wurde nicht (mehr) veröffentlicht. Bei der Karikatur oben sind die Verhandlungen zwischen Hitler und Stalin um einen Nichtangriffspakt noch unbekannt; er wurde am 23. August unterzeichnet. Damit konnte Hitler am 1. September den Krieg gegen Polen beginnen.

Ahnt auf dem Bild das kleine Polen bereits, was ihm bevorsteht?


22. September 1939: Die andere Seite (des Neutralitätswalls)

Am 22. September 1939, drei Wochen nach Kriegsbeginn, ist Polen so gut wie besiegt. England konnte in diesen Krieg nicht eingreifen, verkündete aber am 3. September bereits die Seeblockade Deutschlands; Frankreich und England erklärten an diesem Datum Deutschland den Krieg.

Die Karikatur, wieder nach Idee von Brovik-Riedel, will über diese Tatsache hinwegtrösten; der Kriegsschauplatz wird von einem Wall aus neutralen Staaten umgeben. Zu diesen gehören zwar Russland, aber nicht die USA!

Hier eine Aufnahme des Originalbildes, die vor kurzem erst möglich war. Kneiß hatte am linken Rand noch ein Land genannt, das aber, wohl auf Weisung des Hauptschriftleiters, entfernt werden musste. Mit einer Schere war das hier noch zu bewerkstelligen. Und die hier „ausgeschnittenen“ USA waren 1942 nicht mehr neutral, nachdem ihnen Hitler den Krieg erklärt hatte.