Zitate aus der Malerei

Emil Kneiß war selbst Student an der Akademie der Bildenden Künste; Franz v. Stuck beendete dort gerade sein Studium, als Kneiß das seine begann (1885). Franz v. Stuck und Friedrich August v. Kaulbach wurden von Kneiß in zwei Werken „zitiert“.
„Der Krieg“ (1894) war neben „Die Sünde“ (1893) eines der Werke von Franz v. Stuck, die der breiten Öffentlichkeit bekannt waren. Ein mit goldenem Lorbeer bekränzter Jüngling, ein Schwert mit blutiger Spitze über die Schulter tragend, durch sein schwarzes linkes Auge als Kriegsgott Wotan gekennzeichnet, reitet über eine Unzahl weißer Totenleiber. Diese sollten zwei Dezennien später grausame Wirklichkeit werden.
Ein erstes Zitat von „Der Krieg“ findet sich im Jahrgang 1897/98 des „Radfahr-Humor“. Deutsche Radfahrer hatten sich in drei Radfahrverbänden organisiert, die sich missgünstig untereinander befehdeten. Einigungsversuche scheiterten regelmäßig. Richard Braunbeck (Pseudonym T. Pollack) als Hauptschriftleiter des „Radfahr-Humor“ und Emil Kneiß geißelten dieses Verhalten ab 1897 immer wieder.
Wenn Emil Kneiß in seinen Postkartenserien (um 1900) „Der Krieg“ zu „De Krüg“ veränderte, dann ahnte er einen späteren Spruch voraus, der lautete: „Maßkrüg‘ san besser als Weltkrieg“. Die hier gezeigte Postkarte ist eine „Spezialausgabe“ für den „Salvator“; die normale Ausgabe zeigt nur schlicht weiße Maßkrüge.

Franz Stuck arbeitete nach seinem Studium an der „Akademie der Bildenden Künste“ nicht nur für die „Fliegenden Blätter“, sondern z.B. auch für den „Radfahr-Humor“. 1887 waren die Hochräder in großer Mode (ein heutiges „Nieder“-Rad war gerade 1884 erstmals in England vorgestellt worden), allerdings war das Hochrad-Fahren mit einem großen Verletzungsrisiko verbunden. Stuck deutete mit dieser Zeichnung an, dass man wohl noch 100 Jahre warten müsse, bis eine Frau mit Säugling sicher auf dem Hochrad fahren könne.

Das Bild „Sport“ hat Franz Stuck auch für den „Radfahr-Humor“ gezeichnet. Der abgeworfene Reiter trägt semitische Züge; das zeigt, dass man sich amüsierte, wenn Juden nicht grundsätzlich erfolgreich waren.

1899, also bereits zwölf Jahre später, konnte Emil Kneiß an Franz von Stuck vermelden, dass die Kindermädchen in „allernächster Zukunft“ die Säuglinge in einem zum Kinderwagen erweiterten Automobil durch die Gegend kutschieren würden. Dieses Auto hat bereits lenkbare Vorderräder; 1893 hatte Carl Benz die sogenannte Achsschenkellenkung entwickelt.

„Die Schützenliesl“, entstanden 1881, war eines der bekanntesten Gemälde von Friedrich August v. Kaulbach. Das Bild zeigte die damals noch als Kellnerin arbeitende bildhübsche Coletta Möritz (1860-1953), die später unter anderem sogar Festwirtin auf dem Oktoberfest war. Ihr ist noch heute eine Website gewidmet.
1903 fand in München die IV. Jahrestagung des Deutschen Automobil-Verbandes statt; in der von Richard Braunbeck gestalteten Festschrift ließ Emil Kneiß „d‘ Autllisl“ auf einem Benzinfass tanzen; auf dem Kopf eine Chauffeursmütze und in den Händen Kannen der Firma „Oleum Raffinerie von Töfferling & Co“. Die Bezeichnung „Autl-lisl“ rührte davon her, dass man damals nach einem deutschlandweiten Wettbewerb das „Automobil“ nun „Aut“ bezeichnete; die „Autofahrer“ wurden damit zu „Autlern“ und „Auto fahren“ zu „auteln“.


chirico

Mit diesen beiden Bildern ahnte Emil Kneiß den Stil der sogenannten „Metaphysischen Malerei“ voraus, wie er besonders von Giorgio de Chirico gepflegt wurde. De Chirico wurde 1888 geboren; in diesem Jahr entstand das Bild „Es brennt“. Feuerwehrleute auf Hochrädern eilen mit Leitern und einer Pumpe herbei. 1896 griff Emil Kneiß für die „Jugend“ dieses futuristische Straßenbild erneut auf; für die nun den Verkehr beherrschenden Radfahrer sollten alle Kurven überhöht werden.


Ich habe einen Freund, sein Name ist Weber; ein begüterter junger Mann, der lebt, der sein Leben genießt. Sein Lieblingsvergnügen besteht darin, in seinem Automobil mit toller Geschwindigkeit über Land zu sausen und dabei von Straßen und Äckern Bauerndirnen aufzulesen, mit denen er unterwegs – aber das gehört nicht hierher.

Diese Zeilen stammen aus Thomas Manns heiterem Roman „Königliche Hoheit“ von 1909. Kneiß‘ Neufassung des Gemäldes von Rubens, die 1903 im „Schnauferl“ erscheint, könnte Thomas Mann bei diesen Zeilen vor Augen gestanden haben. Die „Königliche Hoheit“ zeigt sich übrigens später von dieser Erzählung beeindruckt und etwas verstört.


Da Kneiß gerne vorhandene Gemälde persiflierte, könnte hier „Apoll und die Musen“ von Heinrich Maria von Hess ‒ 1875 als Vermächtnis des Prinzen Carl von Bayern in die Sammlung der Neuen Pinakothek München gekommen ‒ als „Vorlage“ gedient haben. Bei von Hess richtet Apollo seine Augen verzückt zum Himmel und scheint die ihn sehnsuchtsvoll anblickenden Musen nicht wahrzunehmen. Im Gegensatz dazu lässt Kneiß jetzt einen bayerischen Polizisten als „Apollo“ ratlos auf die ihn umgarnenden Musen starren. Apollos Lorbeerkranz wird durch eine silberbeschlagene Pickelhaube ersetzt.

Die neun Musen sind hier vollständig vertreten; links unten beginnend sehen wir:

1. Kalliope: die Muse der Philosophie und Wissenschaft (Attribut: Schreibtafel und Schreibgriffel)
2. Klio: die Muse der Geschichtsschreibung (Attribute: Papierrolle und Schreibgriffel)
3. Melpomene:  die Muse der Tragödie (Attribut: ernste Theatermaske)
4. Thalia: die Muse der Komödie (Attribut: Krummstab des Schäfers)
5. vorne: Terpsychore: die Muse für Chorlyrik und Tanz
6. Polyhymnia: die Muse des ernsten Gesangs (meist ohne Attribut)
7. Urania: die Muse der Astronomie (Attribute: Himmelskugel und Zeigestab)
8. Euterpe: die Muse der Lyrik und des Flötenspiels (Attribut: Aulos, die Doppelflöte)
9. Erato: die Muse der Liebesdichtung (Attribut: die Leier, hier Zither)