Der Sieg des Rades

schon im alten Griechenland

Diese „Bildergeschichte“ wurde im Jahrgang 1889/90 des „Radfahr-Humor“ veröffentlicht. Kneiß versteckt seine eigene Signatur an der Mauer, denn der eigentliche Maler soll ja Zeuxis, der berühmteste Maler der Antike, sein. Kneiß‘ „griechische Buchstaben“ zeugen freilich davon, dass er diese nur nachzuahmen versucht. Es entstand aber eine köstliche Mischung aus Antike und der Tatsache, dass die Töchter jüdischer Bankiers bei den jungen (radfahrenden) Herren sehr gesucht waren.

Im Griechenlande lebt‘ einmal,
Nah‘ bei Korinth im Thale,
Der Bankier Heimann Rosenthal
Mit seinem Kind Rosale.

Sie war erst 17 Jahre kaum
Schon in Pension gewesen –
Ihr war das Leben noch ein Traum
Voll idealer Größen.

Der Alte – prima Spekulant
In Geld, Kaffee und Zucker
Und außerdem in allerhand,
Der echte Börsenjucker.

Sehr selten kam sie in die Stadt,
Papa konnt‘ es nicht leiden,
Ihn lockten nicht die „thés dansants“
Kaffees und andre Freuden.

D’rum ging auch heute sie nicht aus,
Obgleich ihrs schwer gefallen,
Weil niemand sonst zu Hause blieb
Von Ihren Freunden allen.

Es war ja heut‘ Eröffnungstag
Der allbekannten Spiele –
So schrieb ’s „Korinthsche Tageblatt“
Bei kolossaler Schwüle.

Die Börse war geschlossen heut‘
Die Läden zugeriegelt,
Beim Schuster wurde nicht „gekloppt“,
Beim Schneider nicht „gebügelt“.

Nur unser Heimann war zu Haus
Und ging, da nichts zu handeln,
Mit der Rosale, seinem Kind
Im Lorbeerhain zu wandeln.

Sie las aus lauter Überdruss
In Schillerschen Gedichten
„Die Kraniche des Ibikus“
Und von den heil’gen Fichten.

Er sah die letzen Kurse nach
Mit schmunzelndem Gesichte.
Auf Salchens Antlitz Kummer lag;
Das war dem Alten „fichte“.

Da tönt von draußen Jubelruf:
„Heil ihm, dem jungen Helden,
Der sich des Wettlaufs Preis gewann,
Von dem nun Sänger melden.

Der Alte stutzt: „Hast de geseh’n?
Rosale, das wär‘ einer,
Für dich zum Manne wie gemacht,
Denn Geld hat der wie keiner!“

Rosale spricht: „Nu hör‘ mer auf,
Wie kannst de nur so reden,
Braucht doch dem Rosenthal sein Kind
Zu nehmen nicht en jeden!“

Und abermals tönt Jubelruf,
Im Zwiegespann als Sieger
Durchrast das Ziel dem Winde gleich
Aus Trapezunt ein Krieger.

Und zu Rosalen wendet sich
Zum zweiten mal der Alte:
„Nu, Salchen, bist de denn von Stein,
Rührt das dich nicht, du kalte?“

Jedoch die Jungfrau stolz und kühl
Zeigt sich ganz unverdrossen.
Worauf der Heimann weiter liest
Und denkt, ’s ist nichts zu hoffen.

Da plötzlich, wie ein brandend Meer
Tönts tausendfach „All Heil!“
Und auf dem Rade hoch und kühn
Durchfliegt mit Windeseil‘

Die Bahn ein Jüngling, blendend schön,
An Wuchs Apollo gleich!
Als den Rosale hat erseh’n,
Wird sie bald rot bald bleich.

Der Vater merkt, was vor sich geht,
Doch zart, wie er ja immer,
Verhält er gänzlich sich diskret,
Geht schweigend auf sein Zimmer.

Bald in des Heimanns Vestibül
Erscheinen drei Gestalten
Um der Rosale zarte Hand
Beim Vater anzuhalten.

„Wir alle drei von Lieb‘ entflammt
Begehren sie zu freien!“
So sprachen sie, „drum wähle du
Den Würd’gen von uns dreien!“.

Der Alte zieht die Brauen hoch
Und macht ein ernst‘ Gesichte,
D’rauf setzt er schlau, gleich Salomo
Im Stuhl sich zu Gerichte.

„Wie haißt?“ sagt er und schmunzelt fein,
„Was werd‘ ich lange wählen,
Was brauch‘ ich meinen alten Kopf
Noch viel damit zu quälen,

Wird  es doch besser sein, wenn ich
Euch auf die Probe stelle,
und danach dann, wie sichs geziemt
Mein giltig Urteil fälle.

Noch einmal wettet um den Preis;
Der schnellste von euch drei’n
Soll als der würdigste alsdann
Mein Kind als Gattin frei’n!“

Kaum ist das Wort ihm noch entfloh’n,
Zum Kampf sind sie bereit
Und um den Preis der Lieb‘ entbrennt
Sogleich ein heft’ger Streit.

Der Läufer blieb zuerst zurück
Weil er den Fuß vertrat,
Noch ringen um den Siegespreis
Der Wagen und das Rad.

Schon winkt der Sieg dem Zwiegespan,
Der Radler, er läßt aus –
Der Rosselenker ist dem Rad
Bedeutend schon voraus.

Da plötzlich hemmt ein Bach, ein Steg
Des Wagens raschen Lauf,
Verzweifelt hält der Wagenheld
Der Rosse rasen auf,

Indess der Radler stillvergnügt
Das Brücklein überfliegt
Und schnell dem Ziele zugewandt
Im Kampf der Liebe siegt.

Zwei Glückliche knie’n hier vereint,
Der Heimann gibt den Segen. –
Dass es so kam, es war allein
Am R a d e nur gelegen!

A.V.