Josef Fischer

"Unentwegt - wia da Rennfahrer Fischer"

 

Josef Fischer (1865-1953) stammte aus Neukirchen beim Heiligen Blut (Landkreis Cham); er war einer der ersten Straßen-Radrennfahrer auf dem Niederrad. Seine Popularität in München war so groß, dass der in der Überschrift genannte Spruch zu einem Münchner Gemeinplatz wurde.

Erste Erfolge erzielte Josef Fischer 1892 bei den Distanzfahrten München-Pilsting-München (205km) und München-Coburg (300km). Dies veranlasste Emil Kneiß zu der nachstehenden Karikatur, in deren dazu gehörenden Versen der im Hintergrund sitzende Josef Fischer die nur 24 Stunden im Kreis herumfahrenden Engländer und Franzosen aufforderte, doch einmal nach Deutschland zu kommen und sich einer wirklichen Herausforderung zu stellen.

O du armer Rekord! Wie oft übers Meer
Wurd’st du schon gezogen bald hin und bald her
Von England nach Frankreich und wieder zurück
Mit vielem Geschick und mit wechselndem Glück,
Doch fest konnte keiner dich halten.
Kaum warst du gewandert hinüber ins Land,
Auf’s neue ein größerer Recke erstand,
Der holt‘ dich – und dann blieb’s beim Alten.

Wie kämpften sie tapfer und setzten wohl ein,
Was an Mut und an Kräften vorhanden, – allein
Die Gegner sie waren auf sicherer Hut,
Sie waren trainiert, und sie waren’s gar gut
Und auf Rache bedacht alle Stunden;
Sie schlugen den Feind in gewaltiger Schlacht,
In heißestem Ringen bei Tag und bei Nacht,
Und dann ging’s um die Zehntels-Sekunden.

Dem Kampfe sah lang in behaglicher Ruh‘,
Der Michl, der Deutsche, von ferne wohl zu,
Doch langweilig kam’s ihm und stumpfsinnig für,
Wie Zweitausend Male und öfter noch schier
Ein menschlich Geschöpf möge fahren
Auf solch‘ einem Fleckchen, so winzigem Raum,
Gleich zwanzigvier Stund‘ lang, man glaubt es ja kaum!
„Gott soll mich vor sowas bewahren!“

Die Rennen auf Bahnen, so hätt‘ ich halt gern,
Die sollten in Zukunft hübsch abgekürzt wer’n;
Doch wünscht Ihr durchaus Euch  a wirkliche Plag,
So kommts nur herüber und reitet ein’n Tag
Mit mir durch die Felder und Auen
Auf unseren Straßen, berühmt und bekannt,
Bei Regen hinauf und hinab durch das Land!
Sie, da thätens weiter net schauen!!–“

Der Kampf zwischen England und Frankreich um den 24-Stunden-Bahn-Rekord - Josef Fischer im Hintergrund

Die Vorgeschichte der Distanz-Radfahrt Wien-Berlin ist der Distanz-Ritt Berlin-Wien bzw. Wien-Berlin, der von (Kavallerie)-Offizieren bestritten wurde. 1892 unternommen, sollte er auch zur Festigung des 1879 abgeschlossenen Zweierbundes zwischen Deutschland und Österreich-Ungarn beitragen. Die Pferde der beiden Sieger, wie auch 28 weitere, verendeten übrigens bald nach dem Erreichen der jeweiligen Ziele. Aber durch die Zeiten, die Josef Fischer auf seinen Distanzstrecken erzielt hatte, wusste man schon, dass die für 1893 vorgesehene Distanz-Radfahrt Wien-Berlin in weitaus kürzerer Zeit und ohne den Tod von Pferden, geschweige denn Fahrern vonstatten gehen würde.

Der Sieger des Distanzritts Wien-Berlin wird vom Sieger der Distanz-Radfahrt Wien-Berlin abgeschleppt.
Die Überlegenheit des Radfahrens gegenüber dem Reiten
Dieses Gedicht entstand noch vor der Durchführung des Straßenrennens Wien-Berlin
Start der Gruppe III zur Distanzfahrt Wien-Berlin; Josef Fischer in der Bildmitte

Der eigentliche Favorit für die Distanz-Radfahrt Wien-Berlin war August Lehr, der aber seine Erfolge bis dahin auf dem Hochrad und auf Radfahr-Bahnen erzielt hatte. Er ging die vor allem in Österreich schlecht trassierte Strecke zu forsch an und musste bald aufgeben. Josef Fischer setzte sich danach an die Spitze und brauchte mit 31 Stunden weniger als die Hälfte der Zeit, die die Sieger der Distanzritte (Berlin-Wien: 73h 6 min / Wien-Berlin: 71h 40 min) benötigt hatten. Er wurde in Berlin, dann in Frankfurt a. Main und zuletzt in München mit größtem Jubel empfangen.

Ein ausführlicher Bericht ist auf der Seite Cycling4Fans zu finden!

Resultate der Distanz-Radfahrt Wien-Berlin
Der Empfang Fischers am Zentralbahnhof in München
Ausschnitt aus derAufstellung zum Start Wien-Berlin. Die Fußrasten sind rot markiert.

Um die Leistung der Fahrer richtig einschätzen zu können, sollte man auch noch berücksichtigen, dass es damals noch keine Kettenschaltungen und keinen Freilauf gab. Man hatte also sogenannte „Fixies“. Als Bremse gab es nur eine Vorderradbremse, die auf den Reifen drückte; die Beine streckte man zur Seite (Bild rechts) oder setzte sie auf Fußrasten an der Gabel (Bild links aus dem Startbild zu Wien-Berlin)..

" Jetzt bin ich doch neugierig, ob ich nach Dörfel oder nach Obermarkt muß!" Ein bergab fahrender Radler streckt die Beine zur Seite.
Die Fernfahrt Mailand – München

Ein ausführlicher Bericht steht auf der Seite Cycling4Fans! Der als Autor des Textes genannte T. Pollack ist mit Sicherheit Richard Braunbeck, der Schwager von Emil Kneiß. Das nachstehende Bild zeichnete Emil Kneiß in die offizielle Chronik der Stadt München.

Josef Fischer bei der Ankunft in München
Reklame für die Adler-Fahrräder, auf denen Fischer und weitere Platzierte das Rennen bestritten

Am 8. September 1893 fand erneut ein spektakulärer Wettbewerb statt, diesmal in München auf der Bahn am Schyrenplatz: Josef Fischer auf dem Fahrrad gegen die Traberstute Flora I mit Carl Schad im Sulky. Es ging über eine Strecke von 4000m, für die Fischer 6:47 min benötigte , der Traber 6:52 min.

Einen ähnlichen Wettbewerb gab es ein Jahr später, zwischen Josef Fischer und einem Reiter, dem angeblichen Sohn des Buffulo Bill. Leider hat Kneiß hier nichts gezeichnet, so dass auf die Seite Cycling4Fans verwiesen werden muss.

Es existiert auch noch ein Bild eines Wettkampfs zwischen Josef Fischer und dem Traberpferd Lizzy M.

Wettkampf zwischen der Stute Flora I und Josef Fischer auf dem Areal am Schyrenplatz
Wettkampf zwischen dem Traber Lizzy M. und Josef Fischer auf dem Areal am Schyrenplatz

Die Fernfahrt Bordeaux-Paris (über 600 km!) gewann Josef Fischer im Jahr 1900. Er muss aber schon im Jahr 1895 daran teilgenommen haben, da sich ein französischer Teilnehmer bitter über ihn beschwerte. Kneiß hielt diesen Vorgang im Radfahr-Humor fest. Der in der Zeichnung benannte Franz Gerger aus Graz war beim Wettkampf Wien-Berlin auf den dritten Platz gekommen.

Der französische Fahrer Prévost beschwert sich, die deutschen Schrittmacher (für Gerger) hätten ihm den Weg versperrt.
O diese Kinder! Um Gottes Willen, was ist das für ein Gestampf? O, Mama, wir spielen bloß "Fischer".

Mit fortschreitenden Erfolgen scheint Fischer aber auch gewisse Starallüren entwickelt zu haben. Auf dieser Zeichnung von 1896 spielen diese Kinder „Fischer“.

1899 beendete Fischer die schwere Tour Bordeaux-Paris auf dem 2. Platz; 1900 gewann er sie sogar. Auf der Zeichnung von Emil Kneiß aus dem Jahr 1899 erkennt man die früheren Erfolge seit 1892; Freiherr v. Drais (als Vertreter des radfahrbegeisterten Publikums) scheint in Sorge gewesen zu sein, dass die Fischerschen Erfolge ausbleiben würden. Vielleicht ist das zur Gießkanne umgebaute Fass eine gewisse Anspielung.

Wer sich noch mehr über Josef Fischer interessiert: cycle4fans hält eine Biografie parat.

Vater Drais: "Schau, schau, die Pflanzerln treiben wieder; hab' schon glaubt, sei seien in ihren Haferln erstickt."