Faschingszug 1934

oder besser zwei Faschingszüge?

Einen ganzseitigen Faschingszug mit aktuellen Anspielungen hatte Emil Kneiß schon 1931 gezeichnet. „Hitlers Machtübernahme“ war gerade ein Jahr her, da zeichnete er für den 7. Februar 1934 wieder einen solchen Zug. Merkwürdigerweise folgte eine Woche später ein Faschingszug II. Teil. Vergleicht man die beiden, so liegt der Verdacht nahe, dass der erste zu wenig die innen- und außenpolitischen Veränderungen „gewürdigt“ hatte; lässt das auf eine Maßregelung schließen?

Lustig ist die Fasenacht,
Wenn die Mutter Küachl bacht.
Noch viel lustiger tuats sein,
Setzt man z’erscht in Teig sich nein.

Denn a bisserl Viecherei,
Muaß beim rechten Fasching sei
Und drum kemma s’jetzt daher,
Schaugst recht lang, na siehgst noch mehr!

Vorn die Musi, wie sichs g’hört,
Der Fischsimmerl, schwer bewehrt,
Moant, daß er den Drachen fangt,
Wenn er Weißwürscht eahm hing’langt.

Diesen Drachen von Loch Neeß
Wo d’Leut sag’n, daß a Chines‘
Waar, wer an den Schwindel glaubt,
Daß der Drach aa Jungfraun raubt.

Nachher kimmt der Dollefuß,
Ist voll Wut und Bitternuß,
Samt sein’m Knappen Starhemberg,
Der begleit’t den Reiterzwerg.

Am 19. April 1934 wurde das erste „Foto“ des Ungeheuers von Loch Ness geschossen. Es ging durch alle Zeitungen. Engelbert Dollfuß war der Bundeskanzler Österreichs, Graf Starhemberg Vizekanzler. Dollfuß wurde wenige Monate später bei einem nationalsozialistischen Umsturzversuch erschossen.


A Fack’im Voglhäusl drinn‘,
Hat doch wirklich gar koan Sinn,
’neing’hör’n tät da a Kanari,
Aber nacha waar koa Narr i!

Siehgst den Kloana mit’m Schnullerl,
Wiear a sitzt im Haferlstuhlerl,
Ganz modern mit Motorkraft
Und an Freilauf, er was schafft.

Rennen gibt’s in Daglfing –
Freund dös is an anders Ding,
Wenn dein Gaul da recht fest lauft,
Daß an Preis er no derschnauft.


Schifahr’n mit so’n Gliederschutz,
Ist Patent des Peter Lutz.
Fallt ma mollat, fallt ma woach,
Denkt er, ist es nicht so arch.

Ein Maderl mit dem neu’sten Hut,
In so ein’m hab’ns die Vögerl gut.
Sie führt die Kuh am Nasenring,
Dafür ist’s ein modernes Ding.

Ja, die Leut san oft recht bös,
Böser wiea da Drach von Neeß.
Jedoch bei der Fräuln Zibebn,
Da tuats so ebbs gar niea geb’n.

Sie nimmt a Pris und führt ihr’n Hund,
Legt d’Kart’n auf und sonst is s’gsund.
Ganz anderscht aber dös was kimmt,
Wenn der Schutzmann d‘ Arm wegnimmt.

Diese beiden Verse könnten bei den neuen Machthabern Missfallen ausgelöst haben. Kryptisch sind die beiden letzten Zeilen: War mit dem Schutzmann Reichspräsident Paul v. Hindenburg gemeint, der tatsächlich wenige Monate später starb?


Hast scho mal a Fasnacht g’sehg’n,
Wo koa Musi mit is gwen?
Drum spielt wieder sie vorn dran,
Dann marschiert Herr Doppelmann,

Der vorn freundlich, nett und guat,
Hinten intrigantisch tuat.
Aber nöt, daß oana witzt,
Dös waar am Völkerbund hing’spitzt.

Dessen Haus des Amtes Schimmel
Zieht mit in dem Zugsgetümmel;
Oben, auf sein’m Dach, der Greis,
Der sich nicht zu helfen weiß.

Weil sogar der Gallisch‘ Hahn
Nicht mehr weiter weiß und kann.
Denn die meisten seiner Eier,
Die er legt‘, der große Schreier

Die sind ziemlich faul und Bruch,
Selbst die mit Parfümgeruch.
Und das faulste wohl vor allem,
War als „Völkerbund“ gefallen.

Das ist schließlich auch ganz klar,
Weil das immer schon so war,
Wenn der Hahn die Eier legt
Und wie d‘ Henn sich hint‘ bewegt.


Was dann kommt, ist nichts als Mist,
Der nur nicht zu brauchen ist.
Denn, wär es ein rechter Dung,
Hätt er noch Berechtigung.

A, wen seh’n im Zug wir schreiten?
Sind’s nicht vier von jenen Leuten,
Die versprochen ’s Paradies
Uns auf Erden einst für g’wiß?

Aber statt in ’n Garten Eden,
Kamen immer mehr in Nöten
Wir und tiefer ins Schlamassel,
Trotz allem Partei-Gequassel.

Jetzt hat ’s Glöckl ausgelitten,
Und es wird nicht mehr gestritten,
Wer im Wahlkampf schließlich siegt
Und die mehr’n Diäten kriegt.

Nicht mehr reden s‘ uns in Bauch,
Sechsunddreißig Löcher auch!
Niemand schnabelt gar nichts mehr,
Und ’s geht besser, sogar sehr!

Fast betrübet wie diese vier,
Sehen dann Herrn Huber wir,
Weil Frau Euphrosine schreit:
„Aus is ’s mit ‚m Fasching heut!“


Hoam werd jetzt amal marschiert,
Du g’hörst ja gleich stilisiert!“
Und der Dollfuß obendrein,
Der jetzt bald soweit wird sein.

Wie er hier im Zuge fährt,
Während Starhemberg ihm wehrt
Und an seinem Tun behindert,
Was die Freundschaft noch vermindert.


Was sonst noch im Zug zu seh’n,
Kann man ohne Sang versteh’n,
Wie ein jeder auch wohl kennt,
Was des Faschings schließlich End‘.

Zu Beginn des Jahres 1934 war die anfängliche Hochstimmung nach der „Machtergreifung“ vielfach in Ernüchterung und Enttäuschung umgeschlagen. Ahnt oder weiß Emil Kneiß von der bevorstehenden Aktion gegen „Miesmacher und Kritikaster“, wenn er den bayerischen Löwen auf einen Herrn Grantlhuber die Pritsche niedersausen lässt, wodurch die Ungeziefer „Nörgelei, Bosheit und Missgunst“ davonlaufen?