Erfindungen und Entdeckungen

Die zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts brachte für Wissenschaft und Technik Riesenfortschritte; die Mehrzahl der heute selbstverständlich verwendeten Geräte wurde damals erfunden. Emil Kneiß begleitete mit seiner Feder vor allem Fahrrad und Automobil; aber auch andere Entwicklungen wurden von ihm karikiert.

Drahtlose Telegraphie

1888 wies Heinrich Hertz die elektromagnetische Strahlung nach; 1909 erhielt Karl Ferdinand Braun zusammen mit Guglielmo Marconi den Physiknobelreis für die Entwicklung der drahtlosen Telegrafie.
Die Telegrafie wurde schon in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts schrittweise entwickelt und eingeführt; der Zeigertelegraf von Werner v. Siemens begründete den wirtschaftlichen Erfolg dieses Unternehmens. Berta Benz konnte darum 1888 bei ihrer legendären Fahrt nach Pforzheim von dort dann zu ihrem Mann nach Mannheim um ein Ersatzteil telegrafieren.


Das Motorrad

An der Erfindung des „Motorrads“ war Emil Kneiß indirekt beteiligt. Der Gründer des „Radfahr-Humors“, Heinrich Hildebrand, konnte aufgrund des finanziellen Erfolgs der Zeitschrift ab 1894 darangehen, das von ihm, Alois Wolfmüller und Hans Geisenhof entwickelte Motorrad in Serie zu fertigen. Die Fabrik stand in der Colosseumsstraße in München.

Wolfmüller korrespondierte mit Otto v. Lilienthal und erwarb von diesem einen „Normalsegelapparat“. Er verbesserte diesen entscheidend durch eine mechanische Steuerung statt der Lilienthalschen Lenkung durch Gewichtsverlagerung.


Die Röntgenstrahlen

Die Entdeckung der Röntgen-Strahlen im Jahr 1895, oder wie C.F. Röntgen sagte, der X-Strahlen, wurde sehr schnell für medizinische Zwecke ausgenützt. Bereits 1896 entstand dieses Bild. Man beachte den Starter, in dessen Hosentaschen sich ein Schlüssel und Münzen und an dessen Brust sich gewonnene Medaillen abzeichnen; die laternenähnlichen Gebilde am Straßenrand sind die Röhren zur Erzeugung der Strahlen!


Der Fotoapparat

Um die Jahrhundertwende wurden die seit langem in Gebrauch befindlichen Plattenkameras durch handliche Kameras mit Rollfilmen abgelöst. Die amerikanische Firma Eastman-Kodak war dabei führend, nicht zuletzt durch einen enormen Werbefeldzug. Kneiß übertreibt bei seinen Zeichnungen von 1899 und 1902 allerdings ein bisschen.


Die Kältemaschine

Carl v. Linde konzipierte 1871 sein erste Kältemaschine, die er in der Folge immer weiter entwickelte. Ein milder Winter 1883/84 führte zu einem Mangel an Natureis; viele Brauereien interessierten sich spätestens jetzt für das „Kunsteis“ aus den Lindeschen Maschinen. 1903 baute Carl v. Linde in Höllriegelskreuth bei München seine Firma, die dort bis heute ihren größten Standort hat.


Das Flugzeug

In den Jahren, in denen Fahrrad und Automobil entwickelt wurden, schuf Otto Lilienthal sowohl die theoretischen als auch die praktischen Grundlagen für das Fliegen „Schwerer als Luft“, wie man damals sagte. Er führte nach grundlegenden Untersuchungen des Vogelflugs ab 1891 auch praktische Versuche mit von ihm gebauten Fluggeräten durch. Ein von ihm konstruierter „Normalsegelapparat“ wurde sogar in Serienfertigung hergestellt.

Der Absturz am 9. August 1896, der zum Tode Otto Lilienthals führte, war nicht auf einen Konstruktionsfehler, sondern auf eine Thermikböe zurückzuführen.


Der lenkbare Ballon

Schon Otto v. Lilienthal bezeichnete die Versuche mit Flugapparaten, die „Leichter als Luft“ waren, als Irrweg. Sie erfreuten sich gleichwohl des Interesses einer zahlungskräftigen Klientel, denn es gab auch Versuche, mit Wasserstoff- oder Heliumgas gefüllte Ballone durch Motorantrieb zu steuern. Am 10. August 1888 startete ein von Dr. Friedrich Hermann Wölfert konstruierter Lenkballon mit einem Daimler-Motor von Gottlieb Daimlers Versuchswerkstatt auf dem Seelberg in Cannstatt zu einer erfolgreichen Fahrt nach Aldingen.


Die Parseval-Luftschiffe

Neben den heute noch bekannten Zeppelinen, die genauer gesagt „Starr-Luftschiffe“ sind, gab es auch noch die Parseval-Luftschiffe, die zu den halbstarren Luftschiffen zählten. Sie wurden von dem aus bayerischem Adel stammenden August von Parseval entwickelt. Solte man heute noch am Himmel einen meist für Werbezwecke genutzten „Zeppelin“ sehen, so handelt es sich stets um einen halbstarren „Parseval“.

Kneiß karikiert in seiner etwa um 1910 entstandenen Postkarte eben ein solches Parseval-Luftschiff.


Der Gasballon

Schon seit Beginn des 19. Jahrhunderts wurden mit Wasserstoff oder Helium gefüllte Ballons verwendet, um mit diesen länger als mit Heißluftballonen in der Luft zu bleiben. Einen solchen Ballon verwendete auch Auguste Picard bei seinem Stratosphärenballon 1931. In Militärkreisen waren diese Ballone geschätzt, denn man konnte damit leichter die Gefechtslage überblicken.

„Um die Erde auf dem Zweirad“

war eine phantastische Geschichte in Fortsetzungen, die 1889/90 im Radfahr-Humor erschien. Man fuhr „auf dem Zweirad“; denn 1890 waren noch die Hochräder in Gebrauch. Emil Kneiß, der die Geschichte illustrierte, kam die Episode hier besonders entgegen, denn er zeichnete gerne Bilder aus der Vogelperspektive.

Wir gondeln so einige Meilen westlich von New=York so gemütlich die Straße hin und plaudern von unsern schönen Indianerinnen, …

… da fällt von rückwärts ein riesiger Schatten auf unsern Weg und was nun geschieht, ist das Werk weniger Sekunden. Wir sehen uns um, hinter uns her jagt, vielleicht 20 Meter über dem Boden, ein enormer Luftballon. Lange Seilschlingen hängen bis zur Erde herab, schleifen nach, verwickeln sich in Schnoddrigs Maschine, umschlingen zugleich mit dieser ihn, der Luftschiffer wirft im selben Momente, um nicht im nahen Wald zu verunglücken, allen Ballast aus, der Ballon schnellt in die Höhe und reißt unsern Freund unaufhaltsam mit sich den Wolken zu. Aus einer Höhe von etwa 200 Metern höre ich ihn noch rufen: „Ich bin verloren, grüße Brinolaja!“

Dann geht’s mit Windeseile höher und höher und wir verfolgen, von Schrecken starr, mit entsetzten Blicken, den Ballon. Er mag ungefähr 2000 Meter hoch gestiegen sein, da sehen wir, wie Schnoddrigs Gestalt mit einem langen, fahnenartigen Fetzen des Ballons sich loslöst und pfeilgeschwind zur Erde niedersaust.

Wir schließen die Augen, schreien auf, glauben unsern Freund verloren. Wie wir aber nach einigen Sekunden wieder hinsehen – schwebt Fritze noch immer zwischen Himmel und Erde, langsam, ganz langsam sinkt er herab – und über ihm ist die mächtige Kugel eines Fallschirms sichtbar. Die Sache wird mir sofort klar. Jene Stricke, in denen er sich verfangen, haben zu dem Fallschirme gehört, den der Luftschiffer mit hatte. Durch eine Zufälligkeit hat sich der Schirm vom Ballon getrennt und Schnoddrig nähert sich unverletzt der Erde. Nach zwei Minuten senkt er sich denn auch richtig dicht vor meinen Füßen nieder, wir machen den vor Angst halbtoten Luftschiffer von den Stricken los und nach kurzer Weile können wir unsere Fahrt fortsetzen.