Meilensteine

auf dem Weg zum Zweiten Weltkrieg

 

Auf dem Weg zum Ziel Hitlers, Deutschland durch einen erneuten Krieg zur Weltgeltung zu verhelfen, gibt es markante Stellen. Manche davon wurden schon bei den wöchentlichen Karikaturen im NS-Zeitungsblock, wie er jetzt hieß, als solche erkannt; manche aber auch, entsprechend der offiziellen Darstellung, verharmlost.

Der „Röhm-Putsch“ oder „die Nacht der langen Messer“

In der Nacht vom 30. Juni zum 1. Juli 1934 wurde in einer seit längerem geplanten Aktion die Führungsebene der SA einschließlich deren Stabschef Ernst Röhm ermordet. Weitere Morde erfolgten in den nächsten Tagen. In der Folgezeit konnte die Reichswehr von Hitler als alleiniger Waffenträger Deutschlands gesehen werden.
Im „Weißblauen Galgenhumor“ fand dieses Ereignis seinen Niederschlag, indem eine Meldung aus Österreich, man habe an der Grenze zu Tirol in dieser Nacht Kanonendonner gehört, aufgegriffen wurde. Die „Erklärung“ hierfür war, dass es sich um die Schläge beim Anzapfen von Bierfässern gehandelt habe.


Wiedereinführung der Wehrpflicht am 16. März 1935

Die Beschränkung der Reichswehr auf 100.000 Mann durch den Versailler Vertrag war mit Hitlers Kriegsplänen natürlich nicht vereinbar. Am 16. März 1935 wurde deshalb die Wehrpflicht wieder eingeführt. Das Erschrecken hierüber war bei England, Frankreich und Italien besonders groß.

Die Stresa-Front 14. April 1935

Als Antwort auf die Erklärung Hitlers, sich fortan nicht mehr an die Rüstungsbeschränkungen des Versailler Vertrags halten zu wollen, schlossen England, Frankreich und Italien am 14. April 1935 in Stresa (nahe dem Lago Maggiore) ein Abkommen, das für ihre Länder die Verträge von Locarno bestätigte. In der Karikatur tritt der italienische Gockel (Mussolini!) besonders lautstark auf, zum Neid des gallischen Hahnes. Dass sich „John Bull“ die Ohren zuhält, lässt eventuell erahnen, dass England aus dieser Front schon zwei Monate später ausbrechen würde. Am 18. Juni 1935 schloss es mit Deutschland ein Flottenabkommen, das die deutsche Flotte auf 35% der britischen anwachsen ließ.


Die ersten Musterungen aufgrund der allgemeinen Wehrpflicht 1935

Am 16. März 1935 war die Wehrpflicht wieder eingeführt worden; die ersten Musterungen wurden in diesen Zeichnungen vom 29. Juni 1935 thematisiert. Ob Emil Kneiß bei der Umsetzung des Themas wirklich so heiter zumute war, wie es den Anschein hat, mag dahin gestellt sein. Die Bilder erinnern eher an die Zeit vor dem Ersten Weltkrieg, als die Marine zum großen Hoffnungsträger avancierte, denn „Deutschlands Zukunft lag auf dem Wasser“. Der stolz dahinschreitende Bauernbursch, der zur Infanterie ausgehoben wurde, passt nur in die Zeit vor 1914, als es für schändlich galt, bei der Musterung nicht als voll tauglich eingestuft worden zu sein. Und eine Kavallerie gab es nur noch zu Beginn des Ersten Weltkriegs; in der „Wehrmacht“, wie die „Reichswehr“ jetzt genannt wurde, war für Pferde kein Platz mehr.

Ob Kneiß bei diesen Zeichnungen auch an seinen Sohn dachte, der aus dem Ersten Weltkrieg mit einem Oberschenkeldurchschuss heimgekehrt war?


 Juliverträge von 1936 mit Schuschnigg (Österreich)

Österreich an das Deutsche Reich anzuschließen war eines der Ziele Hitlers, das er von 1933 an auf allen möglichen Wegen zu erreichen suchte. Schon am 23. Mai 1933 wurde die sogenannte 1000 Mark-Sperre verhängt: Deutsche Staatsbürger mussten beim Grenzübertritt nach Österreich eine Gebühr von 1000 Reichsmark entrichten, worunter der Fremdenverkehr im Nachbarland erheblich litt. Bei einem Putschversuch österreichischer Nationalsozialisten im Juli 1934 wurde zwar der österreichische Bundeskanzler Dollfuß ermordet, der Putsch aber scheiterte. Als Mussolini, durch sein abessinisches Abenteuer in außenpolitische Bedrängnis geraten, sich ab Anfang 1936 mehr und mehr an Hitlerdeutschland anlehnte, fiel für Österreich der bisherige Garant seiner Unabhängigkeit fort. In den Verträgen vom 11. Juli 1936 mit Hitler-Deutschland wurde die Aufhebung der 1000 Mark-Sperre vereinbart; im Gegenzug wurden die inhaftierten Angehörigen der österreichischen NSDAP amnestiert.

Die Karikatur preist diesen Vertrag als Beispiel des Friedenswillens der Hitlerregierung, gemäß der Goebbelschen Propaganda. Vom Schlagbaum purzeln herunter Kommunismus, Marxismus, (jüdische) Weltpresse und der Mismacher(!); ob Kneiß bei der falschen Schreibweise daran dachte, dass das Wort „mies“ aus dem Jiddischen in die deutsche Sprache kam?

Der Antikominternpakt Deutschland – Japan vom 25. November 1936

Nicht zuletzt durch den beeindruckenden Ablauf der Olympischen Spiele in Garmisch und Berlin sah sich Hitler 1936 auch außenpolitisch gestärkt. Im August dieses Jahres verfasste er seine geheime Denkschrift für einen „Vierjahresplan“ mit dem Ziel, Wirtschaft und Armee innerhalb von vier Jahren in Kriegsbereitschaft zu versetzen. Dieser Krieg sollte „Lebensraum im Osten schaffen“ und würde darum gegen die kommunistische Sowjetunion gerichtet sein. Auf der Suche nach Bündnispartnern konnte Joachim von Ribbentrop, damals deutscher Botschafter in London, zwar nicht Großbritannien (wie von Hitler gewünscht), aber dann doch Japan präsentieren. Der sogenannte Antikominternpakt sah eine Kooperation zwischen Japan und dem Deutschen Reich zur Bekämpfung der „Kommunistischen Internationale“ vor.

Die Dampfwalze der „Komintern“ (1919 in Moskau gegründet) wird durch den deutsch-japanischen Vertrag auf ihrer Fahrt gestoppt. Erschrecken zeigen Stalin für Russland, „Wenzl“ für die Tschechoslowakei und „Cumpanero“ (richtiger: Companero) für Spanien. In letzterem hatte Ende Juli 1936 der Bürgerkrieg zwischen der Volksfront-Regierung und den rechtsgerichteten Putschisten unter General Franco begonnen.


1937: Italien tritt dem Antikominternpakt (Deutschland-Japan) bei

Der Antikominternpakt war zunächst 1936 zwischen Deutschland und Japan abgeschlossen worden; er sollte ein gemeinsames Vorgehen gegen die „Kommunistische Internationale“ bekräftigen. Im November 1937 trat auch Italien diesem Pakt bei, was in der Goebbelschen Propaganda als die Schöpfung eines „Weltpolitischen Dreiecks“ gefeierte wurde.


Das Münchner Abkommen vom 30. September 1938

In Übereinstimmung mit der offiziellen Goebbelschen Darstellung verschweigt auch die Karikatur die wirkliche Lage im September 1938. Hitler hatte die Tschechoslowakei ultimativ zur Abtretung der sudetendeutschen Gebiete aufgefordert und war entschlossen, diese auch mit kriegerischen Mitteln durchzusetzen. England und Frankreich war am Erhalt des Friedens gelegen, so dass unter Mitwirkung von Italien, aber nicht der Tschechoslowakei, am 30. September 1938 im Münchner Abkommen das Sudetenland dem Deutschen Reich eingegliedert wurde.

Die Schuld an der sogenannten Sudetenkrise wird, gemäß der Propaganda, der Sowjetunion zugeschoben; im Hintergrund warten Freimaurer, Kriegsgewinnler und das „internationale Judentum“, die stets als Sündenböcke dienten. Die vier Vertragsparteien des Abkommens werden durch Schuhe bzw. Stiefel dargestellt: England durch Lackschuhe/gestreifte Hose, Frankreich durch einen Gamaschenschuh, Italien durch einen Lackstiefel und Deutschland durch den seit jeher „Knobelbecher“ genannten Soldatenstiefel. Der Soldatenstiefel ist eventuell ein versteckter Hinweis, dass deutsche Truppen schon vor dem Verhandlungsbeginn zum Einmarsch bereitstanden.